Im Westen nichts Neues Chapter 1

Wir liegen neun Kilometer hinter der Front. Gestern wurden wir abgelöst;
jetzt haben wir den Magen voll weißer Bohnen mit Rindfleisch und sind satt und
zufrieden. Sogar für abends hat jeder noch ein Kochgeschirr voll fassen können;
dazu gibt es außerdem doppelte Wurst-und Brotportionen – das schafft. So ein
Fall ist schon lange nicht mehr dagewesen: der Küchenbulle mit seinem roten
Tomatenkopf bietet das Essen direkt an; jedem, der vorbeikommt, winkt er mit
seinem Löffel zu und füllt ihm einen kräftigen Schlag ein. Er ist ganz
verzweifelt, weil er nicht weiß, wie er seine Gulaschkanone leerkriegen soll.
Tjaden und Müller haben ein paar Waschschüsseln auf getrieben und sie sich bis
zum Rand gestrichen voll geben lassen, als Reserve. Tjaden macht das aus
Freßsucht, Müller aus Vorsicht. Wo Tjaden es läßt, ist allen ein Rätsel. Er ist und
bleibt ein magerer Hering.
Das Wichtigste aber ist, daß es auch doppelte Rauchportionen gegeben hat.
Für jeden zehn Zigarren, zwanzig Zigaretten und zwei Stück Kautabak, das ist
sehr anständig. Ich habe meinen Kautabak mit Katczinsky gegen seine
Zigaretten getauscht, das macht für mich vierzig Zigaretten. Damit langt man
schon einen Tag.
Dabei steht uns diese ganze Bescherung eigentlich nicht zu. So splendid
sind die Preußen nicht. Wir haben sie nur einem Irrtum zu verdanken.
Vor vierzehn Tagen mußten wir nach vorn, um abzulösen. Es war ziemlich
ruhig in unserm Abschnitt, und der Furier hatte deshalb für den Tag unserer
Rückkehr das normale Quantum Lebensmittel erhalten und für die
hundertfünfzig Mann starke Kompanie vorgesorgt. Nun aber gab es gerade am
letzten Tage bei uns überraschend viel Langrohr und dicke Brocken, englische
Artillerie, die ständig auf unsere Stellung trommelte, so daß wir starke Verluste
hatten und nur mit achtzig Mann zurückkamen. Wir waren nachts eingerückt und
hatten uns gleich hingehauen, um erst einmal anständig zu schlafen; denn
Katczinsky hat recht: es wäre alles nicht so schlimm mit dem Krieg, wenn man
nur mehr Schlaf haben würde. Vorne ist es doch nie etwas damit, und vierzehn
Tage jedesmal sind eine lange Zeit.
Es war schon Mittag, als die ersten von uns aus den Baracken krochen. Eine
halbe Stunde später hatte jeder sein Kochgeschirr gegriffen, und wir
versammelten uns vor der Gulaschmarie, die fettig und nahrhaft roch. An der
Spitze natürlich die Hungrigsten: der kleine Albert Kropp, der von uns am
klarsten denkt und deshalb erst Gefreiter ist; – Müller V, der noch Schulbücher
mit sich herumschleppt und vom Notexamen träumt; im Trommelfeuer büffelt er
physikalische Lehrsätze; – Leer, der einen Vollbart trägt und große Vorliebe für
Mädchen aus den Offizierspuffs hat; er schwört darauf, daß sie durch
Armeebefehl verpflichtet wären, seidene Hemden zu tragen und bei Gästen vom
Hauptmann aufwärts vorher zu baden; – und als vierter ich, Paul Bäumer. Alle
vier neunzehn Jahre alt, alle vier aus derselben Klasse in den Krieg gegangen.
Dicht hinter uns unsere Freunde. Tjaden, ein magerer Schlosser, so alt wie wir,
der größte Fresser der Kompanie. Er setzt sich schlank zum Essen hin und steht
dick wie eine schwangere Wanze wieder auf; – Haie Westhus, gleich alt,
Torfstecher, der bequem ein Kommißbrot in eine Hand nehmen und fragen kann:
Ratet mal, was ich in der Faust habe; – Detering, ein Bauer, der nur an seinen
Hof und an seine Frau denkt; – und endlich Stanislaus Katczinsky, das Haupt
unserer Gruppe, zäh, schlau, gerissen, vierzig Jahre alt, mit einem Gesicht aus
Erde, mit blauen Augen, hängenden Schultern und einer wunderbaren Witterung
für dicke Luft, gutes Essen und schöne Druckposten. Unsere Gruppe bildete die
Spitze der Schlange vor der Gulaschkanone. Wir wurden ungeduldig, denn der
ahnungslose Küchenkarl stand noch immer und wartete. Endlich rief Katczinsky
ihm zu:»Nun mach deinen Bouillonkeller schon auf, Heinrich! Man sieht doch,
daß die Bohnen gar sind.«
Der schüttelte schläfrig den Kopf:»Erst müßt ihr alle dasein.«
Tjaden grinste:»Wir sind alle da.«
Der Unteroffizier merkte noch nichts.»Das könnte euch so passen! Wo sind
denn die andern?«
»Die werden heute nicht von dir verpflegt! Feldlazarett und Massengrab.«
Der Küchenbulle war erschlagen, als er die Tatsachen erfuhr. Er wankte.
»Und ich habe für hundertfünfzig Mann gekocht.«
Kropp stieß ihm in die Rippen.»Dann werden wir endlich mal satt. Los,
fang an!«
Plötzlich aber durchfuhr Tjaden eine Erleuchtung. Sein spitzes
Mausegesicht fing ordentlich an zu schimmern, die Augen wurden klein vor
Schlauheit, die Backen zuckten, und er trat dichter heran:»Menschenskind, dann
hast du ja auch für hundertfünfzig Mann Brot empfangen, was?«Der
Unteroffizier nickte verdattert und geistesabwesend, Tjaden packte ihn am
Rock.»Und Wurst auch?«
Der Tomatenkopf nickte wieder.
Tjadens Kiefer bebten.»Tabak auch?«
»Ja, alles.«
Tjaden sah sich strahlend um.»Donnerwetter, das nennt man Schwein
haben! Das ist dann ja alles für uns! Da kriegt jeder ja – wartet mal – tatsächlich,
genau doppelte Portionen!«
Jetzt aber erwachte die Tomate wieder zum Leben und erklärte:»Das geht
nicht.«
Doch nun wurden auch wir munter und schoben uns heran.
»Warum geht das denn nicht, du Mohrrübe?«fragte Katczinsky.
»Was für hundertfünfzig Mann ist, kann doch nicht für achtzig sein.«
»Das werden wir dir schon zeigen«, knurrte Müller.
»Das Essen meinetwegen, aber Portionen kann ich nur für achtzig Mann
ausgeben«, beharrte die Tomate.
Katczinsky wurde ärgerlich.»Du mußt wohl mal abgelöst werden, was? Du
hast nicht für achtzig Mann, sondern für die 2. Kompanie Furage empfangen,
fertig. Die gibst du aus! Die 2. Kompanie sind wir.«
Wir rückten dem Kerl auf den Leib. Keiner konnte ihn gut leiden, er war
schon ein paarmal schuld daran gewesen, daß wir im Graben das Essen viel zu
spät und kalt bekommen lütten, weil er sich bei etwas Granatfeuer mit seinem
Kessel nicht nahe genug herantraute, so daß unsere Essenholer einen viel
weiteren Weg machen mußten als die der andern Kompanien. Da war Bulke von
der ersten ein besserer Bursche. Er war zwar fett wie ein Winterhamster, aber er
schleppte, wenn es darauf ankam, die Töpfe selbst bis zur vordersten Linie.
Wir waren gerade in der richtigen Stimmung, und es hätte bestimmt
Kleinholz gegeben, wenn nicht unser Kompanieführer aufgetaucht wäre. Er
erkundigte sich nach dem Streitfall und sagte vorläufig nur:»Ja, wir haben
gestern starke Verluste gehabt -«
Dann guckte er in den Kessel.»Die Bohnen scheinen gut zu sein.«
Die Tomate nickte.»Mit Fett und Fleisch gekocht.«
Der Leutnant sah uns an. Er wußte, was wir dachten. Auch
sonst wußte er noch manches, denn er war zwischen uns groß geworden
und als Unteroffizier zur Kompanie gekommen. Er hob den Deckel noch einmal
vom Kessel und schnupperte. Im Weggehen sagte er:»Bringt mir auch einen
Teller voll. Und die Portionen werden alle verteilt. Wir können sie brauchen.«
Die Tomate machte ein dummes Gesicht. Tjaden tanzte um sie herum.
»Das schadet dir gar nichts! Als ob ihm das Proviantamt gehört, so tut er.
Und nun fang an, du alter Speckjäger, und verzähle dich nicht -«
»Häng dich auf!«fauchte die Tomate. Sie war geplatzt, so etwas ging ihr
gegen den Verstand. Sie begriff die Welt nicht mehr. Und als wollte sie zeigen,
daß nun schon alles egal sei, verteilte sie pro Kopf freiwillig noch ein halbes
Pfund Kunsthonig.

Der Tag ist wirklich gut heute. Sogar Post ist da, fast jeder hat ein paar
Briefe und Zeitungen. Nun schlendern wird zu der Wiese hinter den Baracken
hinüber. Kropp hat den runden Deckel eines Margarinefasses unterm Arm. Am
rechten Rande der Wiese ist eine große Massenlatrine erbaut, ein überdachtes,
stabiles Gebäude. Doch das ist was für Rekruten, die noch nicht gelernt haben,
aus jeder Sache Vorteil zu ziehen. Wir suchen etwas Besseres. Überall verstreut
stehen nämlich noch kleine Einzelkästen für denselben Zweck. Sie sind
viereckig, sauber, ganz aus Holz getischlert, rundum geschlossen, mit einem
tadellosen, bequemen Sitz. An den Seitenflächen befinden sich Handgriffe, so
daß man sie transportieren kann. Wir rücken drei im Kreise zusammen und
nehmen gemütlich Platz. Vor zwei Stunden werden wir hier nicht wieder
aufstehen.
Ich weiß noch, wie wir uns anfangs genierten als Rekruten in der Kaserne,
wenn wir die Gemeinschaftslatrine benutzen mußten. Türen gibt es da nicht, es
sitzen zwanzig Mann nebeneinander wie in der Eisenbahn. Sie sind mit einem
Blick zu übersehen; – der Soldat soll eben ständig unter Aufsicht sein.
Wir haben inzwischen mehr gelernt, als das bißchen Scham zu überwinden.
Mit der Zeit wurde uns noch ganz anderes geläufig.
Hier draußen ist die Sache aber geradezu ein Genuß. Ich weiß nicht mehr,
weshalb wir früher an diesen Dingen immer scheu vorbeigehen mußten, sie sind
ja ebenso natürlich wie Essen und Trinken. Und man brauchte sich vielleicht
auch nicht besonders darüber zu äußern, wenn sie nicht so eine wesentliche
Rolle bei uns spielten und gerade uns neu gewesen wären – den übrigen waren
sie längst selbstverständlich.
Dem Soldaten ist sein Magen und seine Verdauung ein vertrauteres Gebiet
als jedem anderen Menschen. Drei Viertel seines Wortschatzes sind ihm
entnommen, und sowohl der Ausdruck höchster Freude als auch der tiefster
Entrüstung findet hier seine kernige Untermalung. Es ist unmöglich, sich auf
eine andere Art so knapp und klar zu äußern. Unsere Familien und unsere Lehrer
werden sich schön wundern, wenn wir nach Hause kommen, aber es ist hier nun
einmal die Universalsprache.
Für uns haben diese ganzen Vorgänge den Charakter der Unschuld
wiedererhalten durch ihre zwangsmäßige Öffentlichkeit. Mehr noch: sie sind uns
so selbstverständlich, daß ihre gemütliche Erledigung ebenso gewertet wird wie
meinetwegen ein schön durchgeführter, bombensicherer Grand ohne viere. Nicht
umsonst ist für Geschwätz aller Art das Wort»Latrinenparole«entstanden; diese
Orte sind die Klatschecken und der Stammtischersatz beim Kommiß. Wir fühlen
uns augenblicklich wohler als im noch so weiß gekachelten Luxuslokus. Dort
kann es nur hygienisch sein; hier aber ist es schön.
Es sind wunderbar gedankenlose Stunden. Über uns steht der blaue
Himmel. Am Horizont hängen hellbestrahlte gelbe Fesselballons und die weißen
Wölkchen der Flakgeschosse. Manchmal schnellen sie wie eine Garbe hoch,
wenn sie einen Flieger verfolgen.
Nur wie ein sehr fernes Gewitter hören wir das gedämpfte Brummen der
Front. Hummeln, die vorübersummen, übertönen es schon.
Und rund um uns liegt die blühende Wiese. Die zarten Rispen der Gräser
wiegen sich, Kohlweißlinge taumeln heran, sie schweben im weichen, warmen
Wind des Spätsommers, wir lesen Briefe und Zeitungen und rauchen, wir setzen
die Mützen ab und legen sie neben uns, der Wind spielt mit unseren Haaren, er
spielt mit unseren Worten und Gedanken. Die drei Kästen stehen mitten im
leuchtenden, roten Klatschmohn. – Wir legen den Deckel des Margarinefasses
auf unsere Knie. So haben wir eine gute Unterlage zum Skatspielen. Kropp hat
die Karten bei sich. Nach jedem Nullouvert wird eine Partie Schieberamsch
eingelegt. Man konnte ewig so sitzen.
Die Töne einer Ziehharmonika klingen von den Baracken her. Manchmal
legen wir die Karten hin und sehen uns an. Einer sagt dann:»Kinder, Kinder -«,
oder:»Das hätte schiefgehen können -«, und wir versinken einen Augenblick in
Schweigen. In uns ist ein starkes, verhaltenes Gefühl, jeder spürt es, das braucht
nicht viele Worte. Leicht hätte es sein können, daß wir heute nicht auf unsern
Kästen säßen, es war verdammt nahe daran. Und darum ist alles neu und stark –
der rote Mohn und das gute Essen, die Zigaretten und der Sommerwind.
Kropp fragt:»Hat einer von euch Kemmerich noch mal gesehen?«
»Er liegt in St. Joseph«, sage ich.
Müller meint, er habe einen Oberschenkeldurchschuß, einen guten
Heimatpaß.
Wir beschließen, ihn nachmittags zu besuchen.
Kropp holt einen Brief hervor.»Ich soll euch grüßen von Kantorek.«
Wir lachen. Müller wirft seine Zigarette weg und sagt:»Ich wollte, der wäre
hier.«

Kantorek war unser Klassenlehrer, ein strenger, kleiner Mann in grauem
Schoßrock, mit einem Spitzmausgesicht. Er hatte ungefähr dieselbe Statur wie
der Unteroffizier Himmelstoß, der»Schrecken des Klosterberges«. Es ist
übrigens komisch, daß das Unglück der Welt so oft von kleinen Leuten herrührt,
sie sind viel energischer und unverträglicher als großgewachsene. Ich habe mich
stets gehütet, in Abteilungen mit kleinen Kompanieführern zu geraten; es sind
meistens verfluchte Schinder. Kantorek hielt uns in den Turnstunden so lange
Vorträge, bis unsere Klasse unter seiner Führung geschlossen zum
Bezirkskommando zog und sich meldete. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er uns
durch seine Brillengläser anfunkelte und mit ergriffener Stimme fragte:»Ihr geht
doch mit, Kameraden?«
Diese Erzieher haben ihr Gefühl so oft in der Westentasche parat; sie geben
es ja auch stundenweise aus. Doch darüber machten wir uns damals noch keine
Gedanken. Einer von uns allerdings zögerte und wollte nicht recht mit. Das war
Josef Behm, ein dicker, gemütlicher Bursche. Er ließ sich dann aber überreden,
er hätte sich auch sonst unmöglich gemacht. Vielleicht dachten noch mehrere so
wie er; aber es konnte sich niemand gut ausschließen, denn mit dem
Wort»feige«waren um diese Zeit sogar Eltern rasch bei der Hand. Die Menschen
hatten eben alle keine Ahnung von dem, was kam. Am vernünftigsten waren
eigentlich die armen und einfachen Leute; sie hielten den Krieg gleich für ein
Unglück, während die bessergestellten vor Freude nicht aus noch ein wußten,
obschon gerade sie sich über die Folgen viel eher hätten klarwerden können.
Katczinsky behauptet, das käme von der Bildung, sie mache dämlich. Und was
Kat sagt, das hat er sich überlegt.
Sonderbarerweise war Behm einer der ersten, die fielen. Er erhielt bei
einem Sturm einen Schuß in die Augen, und wir ließen ihn für tot liegen.
Mitnehmen konnten wir ihn nicht, weil wir überstürzt zurück mußten.
Nachmittags hörten wir ihn plötzlich rufen und sahen ihn draußen
herumkriechen Er war nur bewußtlos gewesen. Weil er nichts sah und wild vor
Schmerzen war, nutzte er keine Deckung aus, so daß er von drüben
abgeschossen wurde, ehe jemand herankam, um ihn zu holen.
Man kann Kantorek natürlich nicht damit m Zusammenhang bringen; – wo
bliebe die Welt sonst, wenn man das schon Schuld nennen wollte. Es gab ja
Tausende von Kantoreks, die alle überzeugt waren, auf eine für sie bequeme
Weise das Beste zu tun. Darin liegt aber gerade für uns ihr Bankrott. Sie sollten
uns Achtzehnjährigen Vermittler und Führer zur Welt des Erwachsenseins
werden, zur Welt der Arbeit, der Pflicht, der Kultur und des Fortschritts, zur
Zukunft. Wir verspotteten sie manchmal und spielten ihnen kleine Streiche, aber
im Grunde glaubten wir ihnen. Mit dem Begriff der Autorität, dessen Träger sie
waren, verband sich in unseren Gedanken größere Einsicht und menschlicheres
Wissen. Doch der erste Tote, den wir sahen, zertrümmerte diese Überzeugung.
Wir mußten erkennen, daß unser Alter ehrlicher war als das ihre; sie hatten vor
uns nur die Phrase und die Geschicklichkeit voraus. Das erste Trommelfeuer
zeigte uns unseren Irrtum, und unter ihm stürzte die Weltanschauung zusammen,
die sie uns gelehrt hatten.
Während sie noch schrieben und redeten, sahen wir Lazarette und
Sterbende; – während sie den Dienst am Staate als das Größte bezeichneten,
wußten wir bereits, daß die Todesangst stärker ist. Wir wurden darum keine
Meuterer, keine Deserteure, keine Feiglinge – alle diese Ausdrücke waren ihnen
ja so leicht zur Hand -, wir liebten unsere Heimat genauso wie sie, und wir
gingen bei jedem Angriff mutig vor; – aber wir unterschieden jetzt, wir hatten
mit einem Male sehen gelernt. Und wir sahen, daß nichts von ihrer Welt übrig
blieb. Wir waren plötzlich auf furchtbare Weise allein; – und wir mußten allein
damit fertig werden.

Bevor wir zu Kemmerich aufbrechen, packen wir seine Sachen ein; er wird
sie unterwegs gut brauchen können. Im Feldlazarett ist großer Betrieb; es riecht
wie immer nach Karbol, Eiter und Schweiß. Man ist aus den Baracken manches
gewohnt, aber hier kann einem doch flau werden. Wir fragen uns nach
Kemmerich durch; er liegt in einem Saal und empfängt uns mit einem
schwachen Ausdruck von Freude und hilfloser Aufregung. Während er
bewußtlos war, hat man ihm seine Uhr gestohlen. Müller schüttelt den Kopf:»Ich
habe dir ja immer gesagt, daß man eine so gute Uhr nicht mitnimmt.«Müller ist
etwas tapsig und rechthaberisch. Sonst würde er den Mund halten, denn jeder
sieht, daß Kemmerich nicht mehr aus diesem Saal herauskommt. Ob er seine
Uhr wiederfindet, ist ganz egal, höchstens, daß man sie nach Hause schicken
könnte.
»Wie geht’s denn, Franz?«fragt Kropp.
Kemmerich läßt den Kopf sinken.»Es geht ja – ich habe bloß so verfluchte
Schmerzen im Fuß.«
Wir sehen auf seine Decke. Sein Bein liegt unter einem Drahtkorb, das
Deckbett wölbt sich dick darüber. Ich trete Müller gegen das Schienbein, denn er
brächte es fertig, Kemmerich zu sagen, was uns die Sanitäter draußen schon
erzählt haben: daß Kemmerich keinen Fuß mehr hat. Das Bein ist amputiert.
Er sieht schrecklich aus, gelb und fahl, im Gesicht sind schon die fremden
Linien, die wir so genau kennen, weil wir sie schon hundertmal gesehen haben.
Es sind eigentlich keine Linien, es sind mehr Zeichen. Unter der Haut pulsiert
kein Leben mehr; es ist bereits herausgedrängt bis an den Rand des Körpers, von
innen arbeitet sich der Tod durch, die Augen beherrscht er schon. Dort liegt
unser Kamerad Kemmerich, der mit uns vor kurzem noch Pferdefleisch gebraten
und im Trichter gehockt hat; – er ist es noch, und er ist es doch nicht mehr,
verwaschen, unbestimmt ist sein Bild geworden, wie eine fotografische Platte,
auf der zwei Aufnahmen gemacht worden sind. Selbst seine Stimme klingt wie
Asche. Ich denke daran, wie wir damals abfuhren. Seine Mutter, eine gute, dicke
Frau, brachte ihn zum Bahnhof. Sie weinte ununterbrochen, ihr Gesicht war
davon gedunsen und geschwollen. Kemmerich genierte sich deswegen, denn sie
war am wenigsten gefaßt von allen, sie zerfloß förmlich in Fett und Wasser.
Dabei hatte sie es auf mich abgesehen, immer wieder ergriff sie meinen Arm und
flehte mich an, auf Franz draußen achtzugeben. Er hatte allerdings auch ein
Gesicht wie ein Kind und so weiche Knochen, daß er nach vier Wochen
Tornistertragen schon Plattfüße bekam. Aber wie kann man im Felde auf jemand
achtgeben!»Du wirst ja nun nach Hause kommen«, sagt Kropp,»auf Urlaub
hättest du mindestens noch drei, vier Monate warten müssen.«
Kemmerich nickt. Ich kann seine Hände nicht gut ansehen, sie sind wie
Wachs. Unter den Nägeln sitzt der Schmutz des Grabens, er sieht blauschwarz
aus wie Gift. Mir fällt ein, daß diese Nägel weiterwachsen werden, lange noch,
gespenstische Kellergewächse, wenn Kemmerich längst nicht mehr atmet. Ich
sehe das Bild vor mir: sie krümmen sich zu Korkenziehern und wachsen und
wachsen, und mit ihnen die Haare auf dem zerfallenden Schädel, wie Gras auf
gutem Boden, genau wie Gras, wie ist das nur möglich -?
Müller bückt sich.»Wir haben deine Sachen mitgebracht, Franz.«
Kemmerich zeigt mit der Hand.»Legt sie unters Bett.«Müller tut es.
Kemmerich fängt wieder von der Uhr an. Wie soll man ihn nur beruhigen, ohne
ihn mißtrauisch zu machen!
Müller taucht mit einem Paar Fliegerstiefel wieder auf. Es sind herrliche
englische Schuhe aus weichem, gelbem Leder, die bis zum Knie reichen und
ganz hinauf geschnürt werden, eine begehrte Sache. Müller ist von ihrem
Anblick begeistert, er hält ihre Sohlen gegen seine eigenen klobigen Schuhe und
fragt:»Willst du denn die Stiefel mitnehmen, Franz?«
Wir denken alle drei das gleiche: selbst wenn er gesund würde, könnte er
nur einen gebrauchen, sie wären für ihn also wertlos. Aber wie es jetzt steht, ist
es ein Jammer, daß sie hierbleiben; – denn die Sanitäter werden sie natürlich
sofort wegschnappen, wenn er tot ist. Müller wiederholt:»Willst du sie nicht hier
lassen?«Kemmerich will nicht. Es sind seine besten Stücke.»Wir können sie ja
umtauschen«, schlägt Müller wieder vor,»hier draußen kann man so was
brauchen.«Doch Kemmerich ist nicht zu bewegen. Ich trete Müller auf den Fuß;
er legt die schönen Stiefel zögernd wieder unter das Bett. Wir reden noch einiges
und verabschieden uns dann.
»Mach’s gut, Franz.«
Ich verspreche ihm, morgen wiederzukommen. Müller redet ebenfalls
davon; er denkt an die Schnürschuhe und will deshalb auf dem Posten sein.
Kemmerich stöhnt. Er hat Fieber. Wir halten draußen einen Sanitäter an
und reden ihm zu, Kemmerich eine Spritze zu geben.
Er lehnt ab.»Wenn wir jedem Morphium geben wollten, müßten wir Fässer
voll haben -«
»Du bedienst wohl nur Offiziere«, sagt Kropp gehässig. Rasch lege ich
mich ins Mittel und gebe dem Sanitäter zunächst mal eine Zigarette. Er nimmt
sie. Dann frage ich:»Darfst du denn überhaupt eine machen?«
Er ist beleidigt.»Wenn ihr’s nicht glaubt, was fragt ihr mich -«
Ich drücke ihm noch ein paar Zigaretten in die Hand.»Tu uns den Gefallen

»Na, schön«, sagt er. Kropp geht mit hinein, er traut ihm nicht und will
zusehen. Wir warten draußen.
Müller fängt wieder von den Stiefeln an.»Sie würden mir tadellos passen.
In diesen Kähnen laufe ich mir Blasen über Blasen. Glaubst du, daß er durchhält
bis morgen nach dem Dienst? Wenn er nachts abgeht, haben wir die Stiefel
gesehen – «
Albert kommt zurück.»Meint ihr -?«fragt er.
»Erledigt«, sagt Müller abschließend.
Wir gehen zu unsern Baracken zurück. Ich denke an den Brief, den ich
morgen schreiben muß an Kemmerichs Mutter. Mich friert. Ich möchte einen
Schnaps trinken. Müller rupft Gräser aus und kaut daran. Plötzlich wirft der
kleine Kropp seine Zigarette weg, trampelt wild darauf herum, sieht sich um, mit
einem aufgelösten und verstörten Gesicht, und stammelt:»Verfluchte Scheiße,
diese verfluchte Scheiße.«
Wir gehen weiter, eine lange Zeit. Kropp hat sich beruhigt, wir kennen das,
es ist der Frontkoller, jeder hat ihn mal. Müller fragt ihn:»Was hat dir der
Kantorek eigentlich geschrieben?«
Er lacht:»Wir wären die eiserne Jugend.«Wir lachen alle drei ärgerlich.
Kropp schimpft; er ist froh, daß er reden kann. – Ja, so denken sie, so denken sie,
die hunderttausend Kantoreks! Eiserne Jugend. Jugend! Wir sind alle nicht mehr
als zwanzig Jahre. Aber jung? Jugend? Das ist lange her.
Wir sind alte Leute.

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